Interview mit Prof. Wolfgang Günthert
Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Günthert war von 1994 bis 2014 Professor für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik an der Universität der Bundeswehr München. Über viele Jahre engagierte er sich in der DWA, unter anderem als Vorsitzender des Landesverbands Bayern und als Vizepräsident. Besonders wichtig ist ihm die Förderung des fachlichen Nachwuchses, etwa durch die Junge DWA. Zudem war er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand Beiratsmitglied der gwf Wasser+Abwasser.
Herr Prof. Günthert, herzlichen Glückwunsch zum Bundesverdienstorden. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Prof. Wolfgang Günthert: Zum einen fühle ich mich dadurch persönlich sehr wertgeschätzt. Zum anderen verstehe ich den Verdienstorden auch alsAuszeichnung für all jene, die in der Wasserwirtschaft tätig sind – ich habe ihn gewissermaßen stellvertretend für sie entgegengenommen. Es freut mich sehr, dass ein Wissenschaftler und Wasserwirtschaftler eine solche Anerkennung erhält und damit unsere Branche sichtbar wird. Denn Wasserwirtschaft ist kein Randthema. Sie betrifft jeden Menschen. Ohne sauberes Wasser, ohne funktionierende Abwasserentsorgung und ohne einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen kann eine Gesellschaft nicht funktionieren.
„Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ist die höchste Auszeichnung, die die Bundesrepublik Deutschland für herausragende Verdienste um das Gemeinwohl vergibt. Verliehen wird die Auszeichnung durch den Bundespräsidenten. Am 14. April 2026 händigte Bayerns Umwelt- und Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber das Verdienstkreuz am Bande des Verdienst ordens der Bundesrepublik Deutschland an Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Günthert aus. Gewürdigt wird damit sein unermüdliches Engagement und seine tiefgreifende Fachkenntnis.“
Warum haben Sie sich für die Wasserwirtschaft entschieden?
Günthert: Ursprünglich überhaupt nicht. Eigentlich wollte ich Braumeister werden.
Braumeister?
Günthert: Ja, ganz einfach, weil mein Großvater Braumeister war. Das hat mich begeistert. Aber man hat mir damals gesagt, Braumeister sei eine brotlose Kunst. Dann habe ich über Architektur nachgedacht, aber auch da hieß es, das sei nicht besonders aussichtsreich. Also habe ich Bauingenieurwesen studiert – zunächst mit dem Gedanken, vielleicht einmal Straßen und Brücken oder Gebäude zu bauen. Im Studium kam dann das Fach Siedlungswasserwirtschaft dazu, das mir bis dahin völlig fremd war. Ich erinnere mich noch genau: Ein Assistent zeichnete einen Brunnenausbauplan an die Tafel. Das hat mich fasziniert – dass man mit einem solchen Brunnen gutes Trinkwasser aus dem Boden gewinnen kann. Von diesem Moment an war ich von der Wasserwirtschaft begeistert.
Aus dieser Faszination wurde dann ein sehr breiter Blick auf Wasser, Abwasser und Abfall. Wie kam es dazu?
Günthert: Ich war am Lehrstuhl, habe dort meine Diplomarbeit gemacht und später promoviert, allerdings im Abwasserbereich. Ich bin immer zwischen Abwasser und Trinkwasser geschwankt und war in beiden Fächern stark interessiert. Zusätzlich hat mich der Abfallbereich beschäftigt, weil alle drei Themen sehr eng zusammengehören. Viele Milliarden Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser, aber die Abfallwirtschaft ist noch gravierender, weil Abfälle Boden und Wasser verunreinigen. Wenn die Verunreinigung erst einmal da ist, wird es für die Wasserwirtschaft besonders schwierig. Deshalb muss man diese Themen zusammen denken.
Sie sprechen damit schon einen Grundgedanken an, der sich durch Ihre Laufbahn zieht: nicht zu eng denken.
Günthert: Das ist mir ganz wichtig. Nach einer Promotion ist man zunächst oft Spezialist auf einem sehr schmalen Gebiet. Viele wissen aber nicht, wie dieses Thema in den größeren Zusammenhang eingebettet ist. Deshalb habe ich bei meinen Doktorandinnen und Doktoranden immer Wert daraufgelegt, dass sie neben ihrem eigenen Thema auch andere Bereiche kennenlernen. Wer im Bauingenieurwesen oder in der Wasserwirtschaft promoviert, muss das gesamte Themenfeld überblicken. Nur das eigene Spezialthema zu kennen, reicht nicht. Man muss über den Tellerrand hinausschauen.
Gab es in Ihrer Laufbahn Momente oder Personen, die diesen breiten Blick geprägt haben?
Günthert: In meinem Leben hatte ich drei gute Chefs. Der erste war an der Universität. Er hat mich zur Siedlungswasserwirtschaft gebracht und bei ihm habe ich promoviert. Er hat mich immer wieder losgeschickt nach dem Motto: Gehen Sie dort hin, da lernen Sie etwas dazu. Das habe ich später bei meinen eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genauso gemacht. Sehr prägend war auch mein Einstieg in die Bayerische Wasserwirtschaftsverwaltung mit dem Referendariat. Dort habe ich kennengelernt, was in einer Verwaltung alles eine Rolle spielt – weit über das eigene Fach hinaus. Später war ich als Abteilungsleiter in einem Landkreis für Wasserversorgung, Abwasser und Abfallwirtschaft zuständig. Da merkt man erst, wo Wasser überall eine Rolle spielt. Die dritte wichtige Station war die Hochschule. Als Professor konnte ich eigene Schwerpunkte setzen und sie immer wieder neu ausrichten. Irgendwann habe ich gesagt: Ich muss nicht der hundertste Professor sein, der sich mit biologischer Abwasserreinigung beschäftigt. Deshalb habe ich Themen aufgegriffen, die damals zu wenig beachtet wurden – vor allem Entwässerungssysteme, Kanalbau und Kanalsanierung. Daraus ist die Münchner Runde zur Kanalsanierung entstanden. Wir haben mit etwa 100 Teilnehmenden begonnen, heute sind es rund 350.
Was ist Ihre Botschaft an junge Studierende und Berufseinsteiger:innen?
Günthert: Auf jeden Fall: über den Tellerrand hinausschauen. Ich glaube, es hat mich im Leben weitergebracht, dass ich immer an vielen Dingen interessiert war – auch an Themen, die nicht unmittelbar mit meiner Arbeit zu tun hatten. Dadurch habe ich immer etwas gelernt, das ich vorher nicht wusste. Jungen Menschen sollte man vermitteln, dass es nicht nur darum geht, das Studium möglichst schnell zu absolvieren. Sie sollten auch verstehen, wie Inhalte einzuordnen sind. Nur mit einem breiten Hintergrund kann man wirklich in Führungspositionen gelangen. Wer nur ein sehr schmales Fachgebiet beherrscht, bleibt oft der reine Spezialist – der Fachidiot, wenn ich es etwas brutal sagen darf. Natürlich braucht man Spezialisten. Aber der beste Spezialist ist derjenige, der trotzdem ein breites Portfolio hat.
Was sind Ihre Pläne für die nächsten Jahre?
Günthert: Zunächst danke ich dem lieben Gott, dass er mich so lange fit gehalten hat. Ich hoffe natürlich, dass das noch lange so bleibt. Solange ich geistig fit bin, werde ich mich weiter für die Wasserwirtschaft einsetzen – unabhängig davon, wie alt ich bin. Solange es etwa die IFAT gibt und ich fit bin, werde ich dorthin gehen – solange ich nicht mit dem Rollator hineingehen muss. Das ist mir wichtig: Man darf nicht stehen bleiben. Wer fachlich etwas weitergeben will, muss selbst neugierig bleiben und dazulernen.
Herr Prof. Günthert, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Sina Ruhwedel für die Ausgabe 06-2026 der gwf Wasser + Abwasser. Diese Ausgabe hat den Schwerpunkt blau-grüne Stadtentwicklung. Neugierig auf weitere Beiträge dieser Ausgabe? Bestellen Sie über unsere Redaktion Ihr kostenfreies Probeheft.






