Meteorologen warnen vor der nächsten Hitzewelle. Gleichzeitig verschärft sich die Trockenheit in vielen Teilen Deutschlands. Der Bodensee liegt unter seinem üblichen Wasserstand. Die Donau führt regional so wenig Wasser wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch am Rhein sinken die Pegel. Für Schifffahrt, Landwirtschaft, Industrie und Wasserversorger steigt der Druck, die vorhandenen Ressourcen effizienter zu nutzen.
Aufgrund der niedrigen Wasserstände schränkt die Stadt Stuttgart seit Ende Juni die Wasserentnahme aus Bächen, Flüssen und Seen ein. Bei Verstößen drohen bis zu 100.000 Euro Bußgeld. Die Stadt will damit die durch Trockenheit belastete Gewässerökologie schützen. Das Umweltministerium Baden-Württemberg geht im Rahmen des Masterplans Wasserversorgung davon aus, dass mehr als die Hälfte der Kommunen im Land den Trinkwasser-Spitzenbedarf bis 2050 unter heutigen Bedingungen nicht mehr decken kann.
Deutschland fehlen 25 Milliarden Kubikmeter Wasser
Auch bundesweit zeigt sich die Lage in Zahlen: Ende 2025 fehlte Deutschland laut Helmholtz-Zentrum für Geoforschung gegenüber dem langjährigen Mittel bereits ein Wasservolumen von rund 25 Milliarden Kubikmetern. Das entspricht mehr als der Hälfte des Wasservolumens im Bodensee.
Dr. Stephan Wasielewski befasst sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit den Folgen von Wasserknappheit. Der an der Universität Stuttgart promovierte Umwelttechniker leitet den Bereich Wasserinfrastruktur bei Drees & Sommer und wirkte zuvor am Masterplan Wasserversorgung Baden-Württemberg mit.
„Grundsätzlich verfügen wir in Deutschland über genug Wasser. Doch immer häufiger kommt es zur falschen Zeit am falschen Ort an. Auf lange Trockenphasen folgen Starkregen, die Böden und Kanalisationen kaum aufnehmen können. Schon längst ist die Wasserversorgung eine zentrale Infrastruktur- und Standortfrage geworden”, sagt Wasielewski.
Regenwasser soll länger im Boden bleiben
Drees & Sommer benennt fünf Ansatzpunkte, um Wasser länger im Kreislauf zu halten, Verluste zu reduzieren und Ressourcen besser zu nutzen. Der erste Punkt betrifft die Versickerung: Vielerorts leiten Kommunen Regenwasser weiterhin möglichst schnell ab. In Zeiten zunehmender Trockenheit verschärft das den Wassermangel. Versickerungsflächen, Gründächer, Mulden-Rigolen-Systeme und Zisternen halten Niederschläge im Boden und stärken die Grundwasservorräte.
Ein Projekt in Berlin-Lichtenberg zeigt die Umsetzung: Im Auftrag des Straßen- und Grünflächenamts identifizierte das Unternehmen 24 von 90 Schulstandorten, die künftig vom Kanalnetz abgekoppelt werden. Auf rund 135.000 Quadratmetern versiegelter Fläche entstehen Grün- und Versickerungsflächen sowie Mulden und Rigolen. Das Regenwasser bleibt so vor Ort, statt ungenutzt in die Kanalisation zu fließen.
Marode Leitungen kosten 319 Millionen Kubikmeter Trinkwasser
Der zweite Ansatzpunkt betrifft das Leitungsnetz selbst. Bundesweit gehen jährlich rund 319 Millionen Kubikmeter Trinkwasser durch undichte Leitungen verloren. Das entspricht dem Jahresbedarf von knapp sieben Millionen Menschen. Digitale Leckageortung, engmaschiges Monitoring und die Sanierung alter Netze senken die Verluste.
Die Stadtwerke Bad Homburg kooperieren seit 2023 mit dem Frankfurter Start-up Preventio. Das Unternehmen setzt künstliche Intelligenz ein, um Rohrschäden frühzeitig vorherzusagen, bevor größere Lecks und Wasserverluste entstehen.
Industrie nutzt Brauchwasser mehrfach
Der dritte Punkt betrifft die Mehrfachnutzung von Wasser. Nicht jede Anwendung benötigt Trinkwasserqualität. Regenwasser, Grau- und Brauchwasser eignen sich zur Bewässerung von Grünflächen, für Toilettenspülungen oder technische Anlagen. Der Bedarf an Trinkwasser sinkt dadurch.
„Wir müssen das sorglose System aus Entnahme, Verbrauch und Ableitung hinter uns lassen. Zukunftsfähige Regionen werden diejenigen sein, die Wasser mehrfach nutzen und in Kreisläufen halten. Das wird auch für die Industrie zur entscheidenden Standortfrage”, sagt Wasielewski.
Für die Alzchem Group in Trostberg untersucht Drees & Sommer, wie sich Brauchwasser aus der zentralen Abwasserbehandlung wiederaufbereiten und mehrfach im Betrieb einsetzen lässt. Ziel ist es, den Frischwasserverbrauch des Chemieunternehmens zu senken.
Digitale Wasserbücher schaffen Transparenz bei Entnahmen
Der vierte Ansatzpunkt betrifft die Steuerung von Wasserentnahmen. Wenn Wasser knapper wird, nehmen Nutzungskonflikte zwischen Landwirtschaft, Industrie, Energieversorgung und Kommunen zu. Häufig wissen die Beteiligten nicht, wer wann wie viel Wasser entnimmt. Digitale Wasserbücher schaffen Transparenz über Entnahmerechte, Schutzgebiete und tatsächliche Entnahmen.
Rheinland-Pfalz führt sein Wasserbuch bereits seit 2004 vollständig digital. Andere Bundesländer arbeiten noch an der Umstellung. Kommunen und Wasserbehörden, die in Echtzeit auf diese Daten zugreifen können, erkennen Engpässe frühzeitig und reagieren gezielt, statt pauschal für alle Nutzergruppen zu sperren.
Entsiegelte Flächen stärken den Wasserhaushalt in Städten
Der fünfte Punkt betrifft die Flächengestaltung in Städten. Asphalt- und Betonflächen verhindern die Versickerung von Wasser. Wo Kommunen Flächen entsiegeln, Bäume pflanzen und Grünanlagen klimaangepasst gestalten, bleibt mehr Wasser im Boden. Gleichzeitig sinken die Temperaturen in dicht bebauten Quartieren.
Ein Beispiel entstand 2025 auf dem Potsdamer Telegrafenberg: Im Auftrag des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung entwickelte das Unternehmen ein Landschaftskonzept für das 27 Hektar große Gelände. Dessen Baumbestand ist bereits zu 78 Prozent durch Hitze und Trockenheit geschädigt. Vorgesehen sind klimaangepasste Neupflanzungen, die weniger Wasser benötigen als der bisherige, teils über hundert Jahre alte Baumbestand. Sie sollen den Wasserhaushalt des Campus langfristig stabilisieren.
Investitionen in Netze bringen die größten Einsparungen
Regentonnen, Zisternen und wassersparende Armaturen senken auch in Privathaushalten den Trinkwasserverbrauch. Für die Versorgungssicherheit entscheidend bleiben laut Wasielewski jedoch Investitionen in Leitungsnetze, Regenwassermanagement und die Wiederverwendung von Wasser. Dort liegen die größten Einsparpotenziale.
„Die Frage ist nicht, ob Wasser zum Standortfaktor wird. Das ist es bereits. Entscheidend ist, wie früh Städte und Kommunen darauf reagieren”, sagt Wasielewski.






