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„Vom Traditionshersteller zum modernen Lösungsanbieter“

Steinzeug Keramo und Pipelife, zwei starke Marken von wienerberger, positionieren sich neu: Mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit, Service und partnerschaftlicher Zusammenarbeit entwickeln sie sich vom klassischen Produktanbieter zum modernen Lösungsanbieter im Rohrleitungsbau. 3R sprach mit Tom Deckers, Geschäftsführer, und Bastian Jenkner, Verkaufsleiter der Wienerberger Infra GmbH, über die Neuausrichtung, die Entwicklung der letzten Jahre und die Zukunftsaussichten des Unternehmens.

von | 15.12.25

Das Werk in Bad Schmiedeberg umfasst 151.000 m², seit 2024 werden dort wieder Vortriebsrohre produziert

Interview mit Tom Deckers und Bastian Jenkner, Wienerberger Infra GmbH

3R: Herr Deckers, die Wienerberger AG ist einer der größten Baustoffhersteller weltweit. Wie positionieren sich Steinzeug Keramo und Pipelife innerhalb von wienerberger, und welche strategische Rolle spielen beide Marken?

Tom Deckers, Geschäftsführer der Wienerberger Infra GmbH

Tom Deckers: Steinzeug Keramo und Pipelife sind innerhalb der neuen wienerberger Markenarchitektur Lösungsmarken. Das heißt, wir bieten unseren Kunden nicht nur Produkte, sondern ganzheitliche Lösungen für ihre Projekte. Wir möchten unsere Marken so positionieren, dass ihre charakteristischen Merkmale sie unverwechselbar machen und sie unmittelbar mit dem Thema Infrastruktur und darin mit Abwasser und Regenwassermanagement assoziiert werden.

3R: Welche Synergien ergeben sich aus der Zugehörigkeit zu wienerberger für Steinzeug Keramo und Pipelife – sowohl in der Entwicklung als auch im Vertrieb?

Deckers: Als Teil von wienerberger profitieren wir in mehrfacher Hinsicht: Wir gewinnen Stärke durch die hohe Reputation in der Bauindustrie. Die Zugehörigkeit zur Gruppe eröffnet uns Vorteile in der Projektentwicklung und ermöglicht den Zugang zu einem breiten Netzwerk. Zudem profitieren wir vom umfassenden Know-how und den Innovationen in der keramischen Produktion an den wienerberger-Standorten. Durch Synergien zwischen den Geschäftsbereichen können wir Systeme gemeinsam nutzen und Ressourcen effizienter einsetzen, auch für die Entwicklung eigener Lösungen.

3R: Wie hat sich Ihr Unternehmen in den letzten Jahren entwickelt, und welche Meilensteine waren dabei besonders prägend?

Deckers: Mit der Marke Steinzeug Keramo sind wir Europas größter Hersteller von Steinzeug-Systemlösungen für den modernen Kanalbau.

Die Schließung der Produktion am Standort Frechen im Jahr 2018 war für uns sehr prägend. Um unseren Fertigungsprozess zu optimieren und uns strategisch für die Zukunft aufzustellen, war dies aber notwendig. Die Produktionskapazitäten wurden auf Bad Schmiedeberg und Hasselt (Belgien) verlagert und unsere Steinzeugrohre und das Zubehör werden von dort weltweit ausgeliefert. Ein weiterer Meilenstein war für uns natürlich, die Produktion der Vortriebsrohre KERA.Drive in 2024 wieder nach Deutschland zurückzuholen. Wichtig war auch die Neustrukturierung hinsichtlich der Vertriebsausrichtung, der Marktbearbeitung und der Services, um auf zukünftige Anforderungen, Markt- und Kundenbedürfnisse noch besser eingehen zu können.

3R: Herr Jenkner, Sie verantworten die Sortimente Steinzeug Keramo und Pipelife. Wie kam es zu dieser Aufgabe?

Bastian Jenkner, Verkaufsleiter der Wienerberger Infra GmbH

Bastian Jenkner: Ich bin 2022 ins Unternehmen gekommen, um das Geschäft der Marke Pipelife neu zu strukturieren. Ein Jahr später übernahm ich die Verkaufsleitung für beide Marken – Steinzeug Keramo und Pipelife in Deutschland und der Schweiz und für Steinzeug Keramo in Österreich. Seitdem haben wir vieles neu gedacht: Strukturen, Abläufe, Kommunikation und die Zusammenarbeit mit unseren Partnern. Es ging darum, zwei Traditionsmarken zu modernisieren, den jeweiligen charakteristischen Markenkern aber zu bewahren.

3R: Steinzeug Keramo steht für klassische Steinzeugrohre, Pipelife für Kunststoff. Wie lässt sich das vereinbaren?

Jenkner: Früher sind sich beide Marken als Mitwettbewerber begegnet. Heute stehen die beiden Marken für zwei Bereiche einer nachhaltigen Infrastruktur. Steinzeug Keramo liefert langlebige Lösungen für den Abwasserbereich, Pipelife ergänzt mit Kunststoffsystemen für die Regenwasserbewirtschaftung. Entscheidend ist: Der Kunde bekommt alles aus einer Hand – abgestimmt, durchdacht und mit klarer technischer Verantwortung. Beide Marken stehen für Qualität, Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit – nur mit unterschiedlichen Materialschwerpunkten.

3R: Sie sprechen häufig vom „Lösungsanbieter“. Was steckt hinter diesem Begriff?

Jenkner: Für uns bedeutet das: Wir verkaufen nicht nur ein Rohr, sondern eine komplette Lösung – von der Planung über den Einbau bis zum After-Sales-Service. Wir beraten, schulen und begleiten Projekte. Der Kunde soll nicht nur ein Produkt bekommen, sondern Sicherheit, Wissen und Partnerschaft.

Deckers: Nachhaltigkeit heißt in diesem Sinne auch Vertrauen und Qualität, die über Jahrzehnte Bestand haben. Wir denken über das Material hinaus: Wir bieten Systeme, die ökologisch
und wirtschaftlich funktionieren – und die wir gemeinsam mit unseren Partnern stetig verbessern.

3R: Steinzeug Keramo galt lange als „schwerfälliger Tanker“. Wie haben Sie die Wende geschafft?

Jenkner: Indem wir ehrlich zu uns selbst waren. Früher waren wir oft zu statisch. Heute leben wir Offenheit und Transparenz. Wir haben eine Kultur geschaffen, die auf Kommunikation, Teamarbeit und Eigenverantwortung setzt. Viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen bringen jahrzehntelange Expertise mit – und wir ergänzen unser Team durch junge Kolleginnen und Kollegen mit neuen Denkweisen. In der Praxis setzen wir dies in einem Mentoren- und Tandemmodell um, bei dem beide Seiten eng miteinander zusammenarbeiten. So bleibt das Wissen im Unternehmen und wird gleichzeitig modern interpretiert. Diese Mischung sorgt für Dynamik und Lernfähigkeit und schafft auch einen anderen, neuen Dialog mit unseren Kunden. Das positive Feedback aus dem Markt bestätigt uns, diesen Weg fortzusetzen.

3R: Der Markt für Abwasserrohre ist weitgehend gesättigt. Wie reagieren Sie darauf?

Jenkner: Ja, das stimmt. Der klassische Neubau ist nur noch ein kleiner Teil des Gesamtbedarfs. Wir bewegen uns heute in einem Sanierungsmarkt, in dem Qualität und Lebenszykluskosten
zählen. Steinzeug hat hier klare Vorteile: hohe Belastbarkeit, chemische Beständigkeit und enorme Lebensdauer. Kommunen erkennen zunehmend, dass sich ein höherer Anschaffungspreis
langfristig amortisiert. Nachhaltigkeit bedeutet auch Wirtschaftlichkeit – ein Produkt, das mehr als 100 Jahre hält, ist die beste Form von Ressourcenschonung. Das gilt für das klassische Steinzeug-Abwasserrohr wie auch für das Steinzeug-Vortriebsrohr. Dies hat mit seinen speziellen Eigenschaften allerdings noch einen besonderen Stellenwert im Markt.

3R: Die Steinzeug-Vortriebsrohre „KERA.Drive“ werden wieder in Deutschland produziert. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Das Vortriebsrohr-Sortiment von KERA.Drive deckt alle Komponenten für den zeitgemäßen Neubau oder für die Sanierung bestehender Abwasserkanäle ab

Deckers: Interne Analysen zeigten, dass wir mit der Produktion der Vortriebsrohre in Bad Schmiedeberg den deutschen und europäischen Markt schneller und sicherer erreichen können. Einerseits kommen wir damit den Kundenwünschen entgegen und andererseits reduzieren wir durch kürzere Lieferwege und moderne Produktionsverfahren den ökologischen Fußabdruck unserer Vortriebsrohre erheblich.

3R: Nachhaltigkeit scheint für Sie mehr als nur ein Schlagwort zu sein. Sie sprachen gerade moderne Produktionsverfahren an, worum geht es dabei?

Deckers: Ja, in der Tat. Unser Ziel ist es, bis 2050 klimaneutral zu produzieren. Dafür optimieren wir Brennprozesse, reduzieren den Energieverbrauch und testen alternative Energieträger wie Strom oder perspektivisch Wasserstoff. Darüber hinaus setzen wir, wie eben erwähnt, auf regionale Produktion, kurze Transportwege und faire Lieferketten. Bei den Vortriebsrohren begrüßen viele Kommunen, dass wir wieder in Deutschland fertigen – das schafft Vertrauen und stärkt die lokale Wertschöpfung.

3R: Wie wichtig ist Kommunikation in Ihrem Veränderungsprozess?

Jenkner: Kommunikation ist der Schlüssel. Der Markt möchte wissen, mit wem er es zu tun hat. Wir kommunizieren offen – auch über Herausforderungen. Ob Fachartikel, Messen, Webinare oder persönliche Gespräche: Kontinuität schafft Vertrauen. Früher wurde zu wenig erklärt, heute sprechen wir lieber einmal zu viel als zu wenig. Selbst eine schwierige Botschaft schafft Glaubwürdigkeit, wenn sie ehrlich vermittelt wird.

3R: Welche Rolle spielt dabei die digitale Kommunikation?

Jenkner: Eine große. Wir nutzen Webinare und Online-Schulungen, um Wissen einfach, schnell und praxisnah weiterzugeben – an Planer, Kommunen und Bauunternehmen. Daraus entstehen oft direkte Projekte. Diese Formate helfen uns auch, jüngere Zielgruppen zu erreichen. Viele Nachwuchsingenieure kannten Steinzeug Keramo kaum noch. Mit digitalen Angeboten holen wir sie wieder ins Boot – und bleiben auch außerhalb klassischer Termine im Dialog.

3R: Kommen wir zur zweiten Marke: Wo steht Pipelife heute und wie werden Sie die Marke weiterentwickeln?

Pipelife-Komponenten für ein effizientes Regenwassermanagement auf einen Blick

Jenkner: Wir haben die Marke erfolgreich neu positioniert. Der Fokus liegt klar auf Regenwassermanagement. Der Markt ist groß, aber hart umkämpft. Unser Vorteil: Wir liefern nicht nur Produkte, sondern komplette Systemlösungen, inklusive Unterstützung bei der Planung und auf der Baustelle. Dabei geht es nicht um ein günstiges Produkt, sondern um funktionierende, nachhaltige Systeme. Kompetenz, Zuverlässigkeit und Service bleiben unsere Differenzierungsfaktoren.

3R: Welche nächsten Schritte planen Sie?

Jenkner: Wir wollen den eingeschlagenen Weg fortsetzen: nachhaltiger produzieren, partnerschaftlicher arbeiten, langfristiger denken. Die Trendwende ist geschafft – jetzt bauen wir auf Wachstum durch Qualität.

3R: Wo sehen Sie Steinzeug Keramo und Pipelife in fünf Jahren?

Deckers: In fünf Jahren sehen wir uns mit den Marken Steinzeug Keramo und Pipelife als vollständig integrierter Lösungsanbieter – nicht nur als Hersteller von Produkten, sondern als Partner für umfassende Services. Unser Ziel ist es, uns klar vom Wettbewerb zu differenzieren, indem wir ganzheitliche Systeme für Regenwasser und Abwasser anbieten, die Nachhaltigkeit und Innovation
vereinen.

 

3R: Herr Deckers, Herr Jenkner, vielen Dank für das Gespräch.

(Dieses Interview finden Sie auch in 3R-Ausgabe 12/2025.)

Hintergrund

wienerberger ist einer der führenden Anbieter von innovativen, ökologischen Lösungen für die gesamte Gebäudehülle in den Bereichen Neubau und Renovierung sowie für Infrastruktur im Wasser- und Energiemanagement.
Mit mehr als 200 Produktionsstandorten in 28 Ländern ist wienerberger weltweit die Nummer 1 in der Ziegelherstellung und bei Tondachziegeln in Europa. Zudem zählt wienerberger auch zu den führenden Anbietern von Rohrsystemen und Flächenbefestigungen in Europa.

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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