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Neue Studie: Starke Wärmenetze für eine sichere Versorgung

Laut einer Studie von Agora Energiewende kann ein Drittel der Wohnungen bis 2045 mit Fernwärme versorgt werden. Hierfür seien jedoch ein zügiger Aus- und Umbau des Wärmenetzes und eine Umstellung der Erzeugung nötig – von zentralen, fossil befeuerten Großkraftwerken hin zu flexiblen Wärmeerzeugern, die erneuerbaren Strom oder klimaschonende Quellen wie Geothermie und Abwärme nutzen.

von | 11.10.24

Foto: pixabay

Berechnungen der Studie zufolge liegt der Investitionsbedarf für diese Transformation bei rund 5 Mrd. Euro pro Jahr – doppelt so viel wie das aktuelle Investitionsvolumen der Fernwärmeunternehmen.

Die Analyse zeigt zudem, dass diese Investitionen für Fernwärmeversorger aktuell betriebswirtschaftlich häufig nicht leistbar sind. Die Gründe: hohe Strompreise im Vergleich zu fossilen Energien, Unsicherheit über Fördermittel, erschwerter Zugang zu Finanzmitteln und teils hohe Finanzierungskosten.

Das hat auch Auswirkungen auf Fernwärmekundinnen und -kunden: Ohne weitere Anpassungen des Ordnungsrahmens drohen Fernwärmekosten mancherorts bis 2045 um rund ein Drittel zu steigen, was günstigen Fernwärmepreisen im Weg stehen würde.

Aufgezeigt wird auch, mit welchen Rahmenbedingungen der Übergang zur klimaneutralen Fernwärme zügig gelingen kann und dabei gleichzeitig Versorger und Haushalte abgesichert werden.

„Fernwärme bietet die Chance, in dicht besiedelten Gebieten viele Gebäude auf einmal mit erneuerbarer Wärme zu versorgen und so den Klimaschutz im Gebäudesektor schnell voranzubringen“, sagt Simon Müller, Direktor von Agora Energiewende Deutschland. „Doch mit dem aktuellen Ordnungsrahmen ist der Hochlauf der Fernwärme gefährdet. Die Politik muss nun zügig dafür sorgen, dass Investitionen der Versorger abgesichert werden, und zugleich Verbraucherinnen und Verbraucher ein attraktives Angebot bekommen.“

Ein Business Case für Fernwärmeversorger

Um Fernwärmeversorgern einen wirtschaftlichen Rahmen zu bieten und attraktive Preise für Kundinnen und Kunden zu ermöglichen, empfiehlt die Studie eine Reihe von Maßnahmen. Insbesondere niedrigere Stromkosten und ein gesicherter Förderrahmen sind entscheidende Hebel, um die klimaneutrale Transformation der Fernwärme zu beschleunigen.

Die Bundesförderung für Effiziente Wärmenetze (BEW) als wichtigstes Förderinstrument für Wärmenetzbetreiber läuft nur bis 2028 und stellt lediglich rund 0,8 Mrd. Euro jährlich zur Verfügung. Sie sollte verstetigt und mit ausreichend Mitteln ausgestattet werden. Zugleich braucht es eine langfristige finanzielle Absicherung der Förderprogramme – etwa über ein Gesetz, aus dem sich für Versorger ein Rechtsanspruch auf Förderung für Fernwärme aus Erneuerbaren Energien ergibt.

Darüber hinaus ist es zentral, mehr privates Kapital und neue Investorengruppen für die Wärmewende zu gewinnen. Dies könnte auch dadurch erleichtert werden, dass der Staat bestimmte Risiken abfedert – beispielsweise mit Blick auf Anschlusszahlen für neue Wärmenetze.

Vertrauen in die Fernwärme schaffen

Debatten um hohe Nachzahlungen für Fernwärme-Haushalte aufgrund der fossilen Energiekrise und die jüngsten Ermittlungen des Bundeskartellamtes unterstreichen die wichtige Rolle des Verbraucherschutzes. Rund 80 % der Fernwärmebezieherinnen und -bezieher sind Miethaushalte, die ohnehin kaum Einflussmöglichkeiten auf ihre Heizungsform haben und zudem im Schnitt über ein geringeres Einkommen verfügen als Eigenheimbesitzer.

Die in der Agora-Studie vorgeschlagenen Maßnahmen wie eine Absenkung der Stromsteuer, eine Reform der Netzentgelte und eine Verstetigung und Aufstockung der Förderung für erneuerbare Wärmeerzeuger wirken sich mindernd auf die Wärmekosten aus, sodass insgesamt die Umstellung auf klimaneutrale Erzeugung in allen in der Agora-Studie betrachteten Netzen die Wärmepreise langfristig auf vergleichbarem Niveau mit dezentralen, klimaneutralen Heizungen bleiben können.

Weil niedrigere Wärmeerzeugungskosten in der Praxis jedoch aufgrund der aktuellen Preisbildung im Fernwärmemarkt nicht automatisch zu niedrigeren Preisen für Endkundinnen und -kunden führen, schlägt die Studie zusätzlich die Einführung einer staatlich verankerten Preistransparenzplattform sowie einer Preisaufsicht vor, um Preisverzerrungen zu vermeiden.

Um klimaneutrale Fernwärme an geeigneten Standorten attraktiver zu machen, seien “faire, transparente Preise für Haushalte” besonders wichtig für die “Akzeptanz und Sozialverträglichkeit der Fernwärme”, so Simon Müller. “Maßnahmen zur Absenkung des Strompreises und der Verstetigung von Fördermaßnahmen”, die die Studie benenne, ermöglichten bezahlbare Preise.

Schnelles Handeln gefragt

Ein schneller Ausbau der Wärmenetze kann höhere Anschlussraten auf Kundenseite sichern und somit zusätzlich die Wirtschaftlichkeit steigern. Um die angestrebte Verdreifachung der versorgten Gebäude bis 2045 zu erreichen, sind rund 100.000 Anschlüsse pro Jahr nötig.

„Der Ausbau der Wärmenetze muss dringend beschleunigt und das Vertrauen in die Fernwärme gestärkt werden. Sonst entscheiden sich Verbraucherinnen und Verbraucher womöglich für andere Heizungsarten, was die Kosten für die verbleibenden Haushalte – vor allem für einkommensschwache Mietshaushalte – ansteigen ließe“, so Simon Müller. „Wir müssen die Wirtschaftlichkeit für Wärmeversorger einerseits und die Bedürfnisse von Fernwärmekundinnen und -kunden andererseits zusammenzudenken. So kann eine nachhaltige Wärmewende gelingen.“

Über die Studie
Die Studie „Wärmenetze: klimaneutral, wirtschaftlich und bezahlbar. Wie kann ein zukunftssicherer Business Case aussehen?“ wurde von Agora Energiewende auf Basis des neuen Szenario Klimaneutrales Deutschland 2045 (Prognos, Öko-Institut, Wuppertal Institut, Universität Kassel, 2024) erstellt. Die 82-seitige Studie untersucht, welche wirtschaftlichen Herausforderungen dem ambitionierten Fernwärmeausbau aktuell noch entgegenstehen. Dazu werden Transformationspfade für drei Fallbeispiele entwickelt und analysiert. Aus den Untersuchungen ihrer Wirtschaftlichkeit werden Empfehlungen für Politikinstrumente abgeleitet und in ihrer Wirkung bewertet. Die Publikation steht zum kostenfreien Download unter www.agora-energiewende.de zur Verfügung.

(Quelle: Agora Energiewende)

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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