Das starke Interesse am diesjährigen Oldenburger Rohrleitungsforum – laut Institut für Rohrleitungsbau an der Fachhochschule Oldenburg (IRO) die am besten besuchte Ausgabe in der Geschichte des Forums – spiegelt den zunehmenden Handlungsdruck der Rohrleitungsbranche wider.
Das IRO verweist dabei auf Millionen Kilometer gewachsener Leitungsnetze, die tagtäglich die Wasser-, Energie- und Wärmeversorgung sowie die korrekte Abwasserentsorgung sichern. Obwohl diese Systeme bislang zuverlässig funktionieren, veränderten sich Umfeld und Anforderungen an die Branche deutlich. Klimawandel, Energiewende, Digitalisierung, erhöhte Sicherheitsanforderungen und ein hoher Investitionsbedarf bedingten neue Herangehensweisen in Planung, Betrieb und Weiterentwicklung.
„Aber ‚Alt undNeu – Strategien für Netze von morgen‘ ist kein fertiges Konzept, sondern eine Einladung zum Dialog“, betonte IRO-Geschäftsführer Mike Böge mit Blick auf die beiden vor ihm liegenden Veranstaltungstage.
Schutz kritischer Infrastrukturen
Ein zentrales Thema der Fachtagung war die wachsende Bedeutung kritischer Infrastrukturen. Karsten Specht, Geschäftsführer des Oldenburgisch Ostfriesischen Wasserverbands (OOWV), verwies auf die Zunahme hybrider Bedrohungen durch Cyberangriffe und Sabotage:
„Wir müssen davon ausgehen, dass Angriffe kommen – Hoffnung ist keine Strategie“, betonte Specht im Rahmen der feierlichen Eröffnung am 4. Februar. Cybersicherheit lasse sich dabei nicht delegieren. „Das ist kein IT-Thema, sondern ganz klar ein Vorstandsthema.“
Verschärfte gesetzliche Vorgaben im KRITIS-Umfeld würden zwar den organisatorischen und finanziellen Aufwand erhöhen, seien aber Voraussetzung für Resilienz und Versorgungssicherheit. Ohne politische Priorisierung, beschleunigte Genehmigungen und langfristige Finanzierung seien die Anforderungen allerdings kaum umsetzbar, betonte Specht.
Wasser- und Abwassermanagement im Wandel
Das Leitthema „Alt und Neu“ prägte die fachlichen Diskussionen besonders im Bereich Wasser- und Abwasserwirtschaft.
„Die Erhöhung von Resilienz in der Wasserversorgung erfordert kontinuierliche Anpassungsprozesse“, betonte Dr. Wolf Merkel, Vorstand – Ressort Wasser beim Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches e. V. (DVGW), im Rahmen des jährlich stattfindenden Pressegesprächs.

Pressekonferenz des 38. Oldenburger Rohrleitungsforums: zahlreiche Journalisten im Gespräch mit Branchenexperten
Nach Angaben des Vereins erfordern der Erhalt und die Anpassung bestehender Netze umfangreiche Investitionen. Merkel schätzte, dass klimabedingte Zusatzinvestitionen in der Wasserversorgung in den kommenden zehn Jahren bis zu 13 Mrd. Euro erreichen könnten. Diese Größenordnung werde in Politik und Öffentlichkeit oft unterschätzt.
Auch beim Umgang mit Regen- und Abwasser zeichne sich laut Fachleuten zunehmender Anpassungsbedarf ab. Prof. Dr. Ing. Katharina Teuber von der Jade Hochschule machte deutlich, dass der Klimawandel schneller fortschreite, als Infrastrukturanpassungen umgesetzt werden könnten. Umso wichtiger sei es, bestehende Systeme effizienter zu nutzen und mithilfe digitaler Steuerungsansätze besser zu vernetzen. Teuber betonte jedoch, dass Digitalisierung nicht nur neue Möglichkeiten eröffne, sondern auch Zielkonflikte und zusätzliche Sicherheitsanforderungen schaffe.
Energie- und Wärmewende als Gemeinschaftsaufgabe
Auch die Energie- und Wärmewende war ein Schwerpunkt des Forums. Heiko Fastje und Jannis Klinkebiel, beide von der in Oldenburg ansässigen EWE NETZ GmbH, betonten, dass bestehende Gasverteilnetze weiterhin eine tragende Rolle spielen, deren Funktion in einem langfristigen Transformationsprozess jedoch neu definiert werden müsse. Gas bleibe trotz ehrgeiziger Klimaziele als Energieträger unverzichtbar, insbesondere aufgrund seiner Speicherfähigkeit und für industrielle Anwendungen.
„Eine Energiewende dauert eine Generation – schnelle Antworten gibt es nicht“, erklärte Heiko Fastje.
Dr. Ing. Bernd Wagner vom Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK e.V. (AGFW) verwies zudem auf die zentrale Rolle der Fernwärme für die Wärmewende. Die kommunale Wärmeplanung stelle Städte und Versorger vor organisatorisch wie technisch anspruchsvolle Aufgaben – insbesondere im Bereich Netzausbau, Asset Management und wirtschaftlicher Umsetzung. Vernetzte, datenbasierte Betriebsführung könne hier die Effizienz deutlich steigern:
„Fernwärmenetze ermöglichen die systemische Einbindung unterschiedlichster Wärmequellen und gewinnen durch digitale, datenbasierte Betriebsführung weiter an Effizienz“, so Wagner.
Fazit und Ausblick
Nach Einschätzung des IRO zeigte das 38. Oldenburger Rohrleitungsforum deutlich, dass die Zukunft der unterirdischen Infrastruktur nicht allein im Neubau liegt. Entscheidend sei das Zusammenspiel von Bestandserhalt, innovativer Weiterentwicklung und Einbindung neuer Technologien. Klimaschutz, Digitalisierung, Fachkräftesicherung und Versorgungssicherheit müssten dabei integriert betrachtet werden. Zum Abschluss zog IRO-Geschäftsführer Mike Böge ein positives Fazit:

IRO-Geschäftsführer Mike Böge
„Das Forum war geprägt von einem sehr konstruktiven Austausch und vielen intensiven Begegnungen. Noch nie zuvor sind zum Oldenburger Rohrleitungsforum so viele Menschen zusammengekommen, um sich über Verfahren, Werkstoffe, organisatorische Rahmenbedingungen, Strategien gegen den Fachkräftemangel und weitere wichtige Herausforderungen unserer Branche auszutauschen. Ein besonders eindrucksvoller Moment aber war für mich während der Eröffnungsveranstaltung der Auftritt von Maria Lenz, der Witwe unseres Forum-Gründers Prof. Joachim Lenz, die mit sehr persönlichen Worten an sein Lebenswerk erinnerte und zugleich den Geist des Oldenburger Rohrleitungsforums spürbar machte: den offenen, respektvollen und fachlich fundierten Austausch, der die Veranstaltung von Beginn an geprägt hat.“
(Quelle: Oldenburger Rohrleitungsforum, Fotos: iro/Michael Stephan)
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