Im Zuge der Netztransformation müssen laut rbv Stromnetze für die Elektrifizierung massiv verstärkt, die Gasleitungen ertüchtigt oder zu Wasserstoffnetzen umgebaut werden. Die Dynamik der kommunalen Wärmeplanung führe möglicherweise zur Entstehung einer ganz neuen „Infrastruktur in Form von CO2-Transportnetzen“.
rbv-Präsident Dr. Ralph Donath. Foto: rbv/Guido Schiefer
„Die Energiewende verlangt, dass in den kommenden Jahren Milliarden in die Versorgungsnetze fließen. Der Leitungsbau steht bereit, diesen Kraftakt umzusetzen“, sagt rbv-Präsident Dr. Ralph Donath. „Die Bundesregierung muss die Bremsen endlich lösen. Statt engstirniger energiepolitischer Kurzschlüsse benötigen wir jetzt dringend verlässliche Rahmenbedingungen, die eine pragmatische, technologieoffene und planbare Umsetzung ermöglichen. Nur so können wir die Menschen für diesen Transformationsprozess gewinnen, Unternehmen vor Überforderung schützen und die Kosten in einem verantwortbaren Rahmen halten. Wir brauchen eine Energie- und Wirtschaftspolitik, die den Standort Deutschland nachhaltig stärkt.“
„Investitionen in alle Netze notwendig“
- Strom: Der Netzentwicklungsplan bestätigt einen massiven Ausbau-und Verstärkungspfad für Übertragungs- und Verteilnetze, um Windkraft, Photovoltaik, Wärmepumpen und Elektromobilität aufzunehmen.
- Wasserstoff: Das Wasserstoff-Kernnetz soll schrittweise gebaut und in Betrieb genommen werden, die ersten Abschnitte werden derzeit vorbereitet. Im Rahmen des Gasnetzgebietstransformationsplans (GTP) planen regionale Verteilnetzbetreiber die zukünftige Ausgestaltung ihrer Netze unter Berücksichtigung von klimaneutralen Gasen.
- Fernwärme: Kommunale Wärmepläne, die für Großstädte bis 2026 und für kleinere Kommunen bis 2028 verpflichtend sind, schaffen voraussichtlich einen erheblichen Neubaubedarf an unterirdischer Infrastruktur.
- Wasser/Abwasser: Der vielerorts vorhandene Sanierungsstau sowie die Anpassung der Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung an die Folgen des Klimawandels erfordern kontinuierlich hohe Investitionen.
- CO2-Transport: Mit dem Kabinettsbeschluss für einen Rechtsrahmen für die Abscheidung, den Transport und die Speicherung von CO2 könnte perspektivisch ein neues Geschäftsfeld entstehen.
Der Mitte September vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie veröffentlichte Monitoringbericht zur Energiewende unterstreicht den großen Handlungsdruck beim Netzausbau.
Donath dazu: „Das Monitoring und die darauf aufbauend kommunizierten Maßnahmen weisen mehrheitlich in die richtige Richtung. Positiv ist, dass die Bundesregierung den Netzen offenbar mehr Gewicht geben will. Zugleich werden die Potenziale bestehender Infrastrukturen leider weiterhin massiv unterschätzt.“
Der rbv betont seit Längerem, dass die Gasnetze voraussichtlich länger benötigt werden als häufig angenommen. Einerseits dienen sie als Brücke für den Hochlauf klimaneutraler Gase und andererseits als Basis für eine künftige Wasserstoff-Infrastruktur.
„Diese Netze sind ein volkswirtschaftlicher Vermögenswert: Sie sind aufgebaut, bezahlt und betriebsbewährt. Sie sollten daher unbedingt weitergenutzt werden. Dafür braucht es fortgesetzte Instandhaltung und vorausschauende Sanierungen statt pauschaler Rückbau-Debatten“, fordert Donath.
Politische Kurskorrekturen und Grundsatzdiskussionen verunsichern
In Kooperation mit dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) setzt sich der rbv für verbindliche Investitionspfade und klare gesetzliche Vorgaben ein, die nicht regelmäßig infrage gestellt werden. Zwei aktuelle Beispiele verdeutlichen, wie mögliche politische Kurskorrekturen und wiederkehrende Grundsatzdiskussionen die Planungssicherheit im Leitungsbau beeinträchtigen:
- Erdkabel vs. Freileitungen: Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD sieht vor, neue Stromtrassen nach Möglichkeit als Freileitungen statt als Erdkabel zu bauen. Dies wird durch das Energiewende-Monitoring bestätigt. Im Bericht heißt es dazu: „Damit Planungssicherheit besteht, ist über einen allgemeinen Freileitungsvorrang für neue HGÜ-Projekte zu entscheiden.“ Aus Sicht des Leitungsbaus gibt es jedoch einen Haken: Unternehmen haben in den vergangenen Jahren aufgrund des Erdkabelvorrangs gezielt Kapazitäten hierfür aufgebaut – von Spezialgeräten bis hin zu Fachpersonal.
- Novelle des GEG: Die Bundesregierung hat eine Überarbeitung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) angekündigt. Welche Anforderungen künftig an Wärmenetze und Heizungsanschlüsse gestellt werden, ist derzeit völlig offen. Für den Leitungsbau bedeutet das, dass sich Investitionen in personelle Ressourcen und Know-how nicht langfristig absichern lassen.
Dipl.-Ing. Martina Buschmann, Hauptgeschäftsführerin des rbv, fordert schnelle Entscheidungen:
„Mit Blick auf eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende kann sich Deutschland nicht leisten, aus parteitaktischen Erwägungen heraus weiter auf Zeit zu spielen.“ Sie betont: „Unsere Mitgliedsunternehmen können nur dann Fachkräfte ausbilden oder Maschinen und Geräte beschaffen, wenn klar ist, welche Technologien und Netze die Politik morgen will. Wir dürfen nicht riskieren, dass ausgerechnet die Infrastruktur fehlt, die die Energiewende tragen soll.“
Vorhaben wie das Geothermie-Beschleunigungsgesetz (GeoBG) oder die vom Kabinett beschlossene Änderung des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes (KSpG) könnten perspektivisch für Wachstumsschübe im Leitungsbau sorgen. Voraussetzung ist jedoch, dass den politischen Absichtserklärungen schnell Taten folgen. „Lippenbekenntnisse” seien nicht hilfreich, weder für die Energiewende noch für betroffene Unternehmen, so Buschmann.
„Branchendialog auf Augenhöhe ist wichtiger denn je“
Neben verlässlichen Rahmenbedingungen ist auch ein gutes Miteinander zwischen Leitungsbauunternehmen und Netzbetreibern unerlässlich, um die gemeinsamen Herausforderungen erfolgreich zu meistern. rbv-Präsident Dr. Ralph Donath, Geschäftsführer des Mitgliedsunternehmens EUGEN ENGERT GmbH, vermisst bisweilen die partnerschaftliche Zusammenarbeit. Etwa mit Blick auf den Wasserstoff-Hochlauf:
„Netzgesellschaften fragen uns, ob wir schon ausreichend Personal eingestellt haben. Auf der anderen Seite gibt es aber kaum Ausschreibungen. Offen gestanden habe ich wenig Verständnis für diese Ankündigungskonjunktur. Gerade in diesen dynamischen Zeiten sind Kommunikation, Dialog auf Augenhöhe, gegenseitiger Respekt und Wertschätzung enorm wichtig. Leider wird das Know-how der Auftragnehmer oftmals noch nicht so genutzt, wie es aus unserer Sicht sein sollte. Auch beim Thema Vertragsgestaltung haben wir noch Luft nach oben.“
In diesem Zusammenhang erinnert Donath an die Initiative „Zukunft Leitungsbau“, die der rbv, der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) und die Bundesfachabteilung Leitungsbau im HDB im Jahr 2020 ins Leben gerufen haben. Auftraggeber und Auftragnehmer verständigten sich damals auf Leitlinien, die Qualität, Partnerschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit des Leitungsbaus sichern sollen.
„Leistungsfähigkeit des Leitungsbaus weiter stärken“
„Seitdem ist viel passiert, und wir haben gemeinsam viel erreicht“, stellt Donath fest. Es wurden Partnerschaftsmodelle erprobt, die etablierten Regelwerke bieten Sicherheit und zahlreiche Best-Practice-Beispiele zeigen, dass innovative Ansätze wie Lean Management, Prozessdigitalisierung oder BIM im Leitungsbau erfolgreich umgesetzt werden können. „Diese Fortschritte belegen, dass unsere Zusammenarbeit funktioniert und wir als Branche in der Lage sind, uns konstruktiv weiterzuentwickeln.“ Zugleich macht der rbv-Präsident deutlich: „Die damals vereinbarten Impulse sind zeitlos. Sie bieten nach wie vor viel Potenzial, um die Leistungsfähigkeit des Leitungsbaus weiter zu stärken.“
Nach Ansicht von rbv-Hauptgeschäftsführerin Martina Buschmann ist die teilweise Neuausrichtung der Energiepolitik ein guter Zeitpunkt, sich auf die gemeinsamen Herausforderungen zu fokussieren.
„Unsere Branche lebt von vertrauensvoller Zusammenarbeit. Je enger wir zusammenrücken, desto weniger Zeit und Ressourcen verschwenden wir. So bündeln wir unsere Kräfte und erreichen unsere gemeinsamen Ziele schneller und wirkungsvoller.“
(Quelle: rbv)










