Generic filters
FS Logoi

Güteschutz Kanalbau im Gespräch mit Prüfingenieur Dieter Walter

Mit der Gütesicherung Kanalbau RAL-GZ 961 hat sich ein System etabliert, das zur Prüfung der technischen Leistungsfähigkeit von Bietern im Vergabeverfahren und damit der Qualität im Kanalbau dient. Diese Aufgabe umfasst unter anderem die kontinuierliche Beurteilung der Qualifikation von Unternehmen in Firmenprüfungen und unangekündigten Baustellenprüfungen sowie die Verleihung des RAL-Gütezeichens. Um unsere Infrastrukturen zukunftsfähig zu machen, braucht es allerdings mehr als einen Baustein. Deshalb unterstützt die Gütegemeinschaft ihre Mitglieder in vielen branchenrelevanten Schlüsselthemen: Angefangen bei der Aus- und Weiterbildung und der fachlichen Qualifikation der Mitarbeiter über technische Belange und Regelwerke bis hin zur Rekrutierung von neuem Personal.

von | 30.07.24

Die Qualitätssicherung von Kanalbaumaßnahmen hat einen besonderen Stellenwert, denn Entwässerungssysteme sind Einrichtungen mit hohen Investitionskosten und langen Nutzungsdauern
Foto: Güteschutz Kanalbau

Zu seiner persönlichen Wahrnehmung von Qualität und Qualifikation sowie zur Bedeutung der Gütesicherung Kanalbau äußert sich Dipl.-Ing. Dieter Walter, vom Güteausschuss der Gütegemeinschaft beauftragter Prüfingenieur.

Herr Walter, welche Erfahrungen haben Sie in den letzten 27 Jahren als Prüfingenieur beim Güteschutz Kanalbau gemacht?

Dieter Walter: Baustellenbesuche mit Berichterstellung enthalten immer den zum Besuchszeitpunkt festgestellten Ist-Zustand der Baustelle. Dieser muss dem Güteausschuss mit einer Bilddokumentation im Bericht vorgelegt werden. Bei der Auswertung dieser Unterlagen fällt auf, dass sich im Lauf der Zeit einiges geändert hat. Die technischen Ausstattungen und Gerätschaften sind moderner und komplexer geworden. Hinzu kommt, dass Planer, Bauherren und Ingenieurbüros mit der Bauüberwachung eine wichtige Verantwortung für das langlebige Bauwerk „Kanal“ übernehmen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die damaligen, oft durchaus kritischen Rohrgrabenausführungen und Bausituation im Kanalgraben sich bis heute wesentlich verbessert haben. Darüber hinaus hat sich auch das früher weit verbreitete und von Hierarchien geprägte Auftreten von Führungskräften in einen konstruktiven Erfahrungsaustausch gewandelt. Und der Satz „das haben wir schon immer so gemacht“ ist selten auf der Baustelle geworden. In der Arbeitsvorbereitung wird vor Baubeginn Konfliktpotenzial in der Ausführung erkannt – hier werden zum Beispiel auch die von der Gütegemeinschaft angebotenen Leitfäden genutzt. Dieses Material dient als Soll-Ist-Dokumentation auf der Baustelle und trägt zu einer regelgerechten Bauausführung bei. Letztendlich ist auch der Anteil an gut ausgebildetem und geschultem Fachpersonal stetig angewachsen.

Wie beurteilen Sie den Einfluss der Gütesicherung auf die Qualität der Ausführung?

Walter: Bei der Betreuung von Gütezeichenanträgen habe ich die Verantwortlichen der Unternehmen stets gefragt, warum Sie ein Gütezeichen in einer bestimmten Beurteilungsgruppe beantragt haben. Mehr als 90 % der Befragten äußerten sich so, dass sie besser werden und die Erfahrung, das Wissen und die Schulungen der Gütegemeinschaft nutzen wollen um mängelfreie Bauwerke zu erstellen. Lediglich eine Minderheit hat das Engagement in der Gütesicherung als notwendige Pflicht betrachtet. Das hat dazu geführt, dass sich mehr als 90 % der Gütezeicheninhaber aufgrund der Dienstleistungen und Qualifikationsangeboten der Gütegemeinschaft durch Schulungen und Eigenüberwachungsdokumentation in ihrer Qualität ständig verbessern konnten. Entscheidend war hier die Akzeptanz des Fachpersonals, zum Beispiel bei der Dokumentation der Eigenüberwachung (Leitfäden der Beurteilungsgruppen). Teilweise hat es bis zu zwei Jahren gedauert, bis die Vorteile erkannt wurden. Leider werden diese Dokumentationen in der Bauüberwachung zur Qualitätsprüfung nach wie vor nicht kontinuierlich genutzt.

Wie beurteilen Sie den Einfluss der Gütesicherung auf die Qualität der Ausschreibung und Bauüberwachung mit Blick auf Auftraggeber und Ingenieurbüros?

Walter: Die Gütesicherung Kanalbau RAL-GZ 961 bietet bei der Leistungsvergabe von Ausschreibungen im Kanalbau eine unabhängige Eignungsprüfung. Es liegt im Interesse von Städten und Kommunen, dass Abwasserleitungen und -kanäle von erfahrenen und zuverlässigen Fachleuten geplant, gebaut oder saniert werden. Organisationen, die die Erfüllung der Eignungskriterien für Ausschreibung und Bauüberwachung für offenen Kanalbau, Vortrieb oder Sanierung regelmäßig nachweisen, führen das Gütezeichen der Beurteilungsgruppe ABAK (offener Kanalbau), ABV (Vortrieb) bzw. ABS (Sanierung). In einem jährlichen Erfahrungsaustausch in der Firmenprüfung werden Feststellungen in den Plänen, Bodengutachten und Ausschreibungsunterlagen besprochen und korrigiert.

Welchen Stellenwert hat für Sie das Thema Qualifikation?

Walter: Angesichts immer komplexerer Bauaufgaben gewinnt das Thema Qualifikation immer mehr an Bedeutung. Und die wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiter zunehmen. Vor allem mit Blick auf Fachkräftemangel und Generationswechsel sowie dem Ausscheiden von erfahrenem Fachpersonal. In diesem Zusammenhang fehlen Konzepte zur Weitergabe von Wissen. Deshalb wird es immer wichtiger, Nebeneinsteiger oder branchenfremde Mitarbeiter sowie Arbeits- und Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren, um den komplexen Aufgaben für die Instandhaltung unserer Infrastruktur gerecht werden zu können.

Wie bereitet sich die Gütegemeinschaft Kanalbau auf diese zukünftigen Herausforderungen vor? Gibt es Konzepte und Lösungsansätze?

Walter: Unsere Arbeit vor Ort bringt es mit sich, dass wir schon frühzeitig Entwicklungen in der Planung, Ausschreibung und Ausführung erkennen. Unser Ziel muss es sein, frühzeitig Strategien zur Gütesicherung zu entwickeln, damit unsere Infrastrukturen fit für die Zukunft gemacht werden können. Gefordert sind hier sowohl die Prüfingenieure als auch die Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle der Gütegemeinschaft. Deshalb muss die qualifizierte Schulung der Prüfingenieure in den jeweiligen Beurteilungsgruppen ständig überprüft und verbessert werden. Ebenso wichtig wird es sein, das individuelle Fachwissen entsprechend der aktuellen Entwicklungen im Baubereich mit internen Schulungen oder Arbeitskreisen zu speziellen Bauverfahren zu fördern.

Gleiches gilt für die Qualifikation des Personals in den Mitgliedsunternehmen. Entsprechende Angebote sind auf www.kanalbau.com unter dem Begriff AKADEMIE zusammengefasst. Sie werden konsequent weiter ausgebaut. Unter anderem mit neu erstellten Schulungsvideos, die dem Fachpersonal der Unternehmen wichtige organisatorische und technische baustellenrelevante Sachverhalte näherbringen sollen, sowie mit einer ebenfalls neu entwickelten Kanalbau-App, welche eine Schulung zum Thema „Kanalbau in offener Bauweise“ auch für Quereinsteiger möglich macht. Auch die Qualifikation von Planungsleistungen steht weiterhin im Fokus. Mitarbeitende von Ingenieurbüros unterstützen wir unter anderem mit Erfahrungsaustauschen, der Bereitstellung von Schulungsunterlagen und Schulungsthemen für die Bauüberwachung sowie zur Ausschreibung in Verbindung mit der Ausführung.

Wie sieht Gütesicherung Kanalbau von morgen aus?

Walter: Kanalbauwerke haben eine hohe Nutzungsdauer und müssen vielfältigen Einflüssen wie etwa den Auswirkungen des Klimawandels standhalten. Das ist bei stetig sinkender Verfügbarkeit von Fachpersonal nur mit Gütesicherung und mit Qualität in der Planung und Ausführung möglich. Darüber hinaus wird hoch qualifiziertes Personal bei Auftraggebern benötigt. Die Beteiligten sind gefordert, zukunftssicher Konzepte zu entwickeln. Wünschenswert wäre es in diesem Zusammenhang, wenn erfahrene Fachleute ihr Fachwissen an die nachfolgende Generation weitergeben könnten. Weiterhin sollte auch Quereinsteigern der Zugang zu bautechnischen Berufen erleichtert und die Integration von fremdsprachigem Fachpersonal gefördert werden – zum Beispiel durch das Erlernen einer zusätzlichen Sprache auf Auftragnehmer- und/oder Auftraggeberseite.

Herr Walter, vielen Dank für das Interview.

(Originalbeitrag/Quelle: Güteschutz Kanalbau)

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

Informier' dich doch!

Jetzt den monatlichen 3R-info-Newsletter abonnieren!

„H2Austria&Bavaria+Store electrolyser“ ist Project of Common Interest
„H2Austria&Bavaria+Store electrolyser“ ist Project of Common Interest

Vor dem Hintergrund des europäischen Wasserstoffhochlaufs hat die EU-Kommission am 1. Dezember das von der RAG Austria AG initiierte Projekt „H2Austria&Bavaria+Store electrolyser“ als Project of Common Interest (PCI) anerkannt. Das Projekt ist Teil des Verbundes „Hydrogen interconnections in Western Europe“ (HI West) und hat laut EU-Kommission damit auch „strategische Bedeutung für Europa“.

mehr lesen
Geothermie: Eavor startet Stromproduktion in Geretsried
Geothermie: Eavor startet Stromproduktion in Geretsried

Mit der offiziellen Aufnahme der Stromproduktion am 4. Dezember am Geothermie-Standort in Geretsried (südlich von München) sorgt das kanadische Unternehmen Eavor für internationale Aufmerksamkeit in der Energiebranche. Das Projekt gilt als die erste kommerzielle Anlage weltweit, die auf einem vollständig geschlossenen und skalierbaren Geothermie-System basiert.

mehr lesen
Vierter Energiepolitischer Dialog: „Dreiklang der Moleküle“
Vierter Energiepolitischer Dialog: „Dreiklang der Moleküle“

Unter dem Leitmotiv „Die drei für die Zukunft: mit Erdgas, Wasserstoff und Carbon Management zu net-zero“ lud OGE zum vierten Energiepolitischen Dialog in Berlin. Über 100 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Industrie und Verbänden gingen zur „Rolle der Moleküle CH₄, H₂ und CO₂ im Energiesystem der Zukunft“ in den Dialog. Die Veranstaltung gilt als wichtige Austauschplattform zu bedeutenden Themen der Energietransformation.

mehr lesen
Umweltportal NRW informiert über Hochwasser und Starkregen
Umweltportal NRW informiert über Hochwasser und Starkregen

Das Umweltportal NRW informiert mit dem Beginn der Hochwasser-Saison auf einer Themenseite über Hochwasser und Starkregen in NRW. Nutzer können dort „aktuelle Warnungen, Pegeldaten, Hochwassergefahren- und Starkregenkarten, Hinweise zu Straßensperrungen sowie konkrete Handlungsempfehlungen“ abrufen.

mehr lesen

Publikationen zum Thema

Die Unterschiede der GFK-Schlauchliner – vom Freispiegelkanal zur Trinkwasserleitung

Die Unterschiede der GFK-Schlauchliner – vom Freispiegelkanal zur Trinkwasserleitung

Autor: Von Dr. Nils Füchtjohann
Themenbereich: Rohrleitungstechnik

Bereits über Jahrzehnte sind GFK-Schlauchliner im Abwasserbereich etabliert. Seit wenigen Jahren halten sie auch zunehmend Einzug in den Trinkwasserbereich. Hygienisch, nachhaltig und projektsicher – für die grabenlose Sanierung von ...

Zum Produkt

Kanalquerschnitts- und Profilvermessung in der Praxis

Kanalquerschnitts- und Profilvermessung in der Praxis

Autor: Von Erik Büttner und Ulrich Jöckel
Themenbereich: Rohrleitungstechnik

Nachdem mit 3D-Kameraequipments auch Querschnitte von Abwasserleitungen vermessen werden sollen, wird sich dieser Fachbericht dem Thema widmen. Vielen sind diverse Fachberichte zu Laserscann, photographischen und manuellen Messmethoden bekannt. Ein ...

Zum Produkt

Rheda-Wiedenbrück: Havarie-Konzept für wichtige Abwasserdruckleitung – Anschlussteil selbst entwickelt

Rheda-Wiedenbrück: Havarie-Konzept für wichtige Abwasserdruckleitung – Anschlussteil selbst entwickelt

Autor: Von Henning Winter und Ludger Wördemann
Themenbereich: Rohrleitungstechnik

Fast jede Kommune hat sie: Abwasserdruckleitungen. Und fast jede Kommune hat sie in der Vergangenheit eher stiefmütterlich behandelt. Doch so langsam kommen viele Druckleitungen in die Flegeljahre. Die KomNetABWASSER-Teilnehmerstadt ...

Zum Produkt