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Studie stellt Kostenvorteil der Freileitung bei Gleichstromtrassen infrage

Die Initiative Energietrassenbau hat ein Positionspapier vorgelegt, das die geplante Rückkehr zur Freileitung bei neuen Gleichstromtrassen ablehnt. Am Beispiel einer 730 Kilometer langen Verbindung hat sie berechnet, dass ein um 20 Prozent kostenoptimierter Erdkabelbau 9,12 Milliarden Euro kostet, die Freileitung inklusive Folgekosten dagegen 9,61 Milliarden Euro. Zusätzlich hat die Initiative 12 Maßnahmen genannt, mit denen sich die Kosten des Erdkabelbaus um 20 bis 30 Prozent senken lassen sollen.

von | 21.09.26

Freileitung und Erdkabeltrasse im Vergleich: Die Initiative Energietrassenbau rechnet nach, welche Bauweise Deutschland langfristig günstiger kommt.
© Pexels/ Wolfgang Weiser
Freileitungen

Die Initiative Energietrassenbau lehnt den geplanten Wechsel von Erdkabel zurück zur Freileitung bei neuen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungen (HGÜ) ab. Das steht in einem Positionspapier, das Prof. Alexander Lange von der Hochschule Karlsruhe vorgelegt hat. Nach seiner Szenariorechnung verliert die Freileitung ihren Kostenvorteil, sobald bei den Angaben zu den HGÜ die Folgekosten mit einfließen. Die Initiative bezeichnet sich als unabhängig und ihr Papier nicht als Auftragsstudie. Es entstand im fachlichen Austausch mit Prof. Konrad Nübel von der Technischen Universität München und weiteren Fachleuten aus Industrie und Forschung.

Für neue HGÜ-Verbindungen gilt bisher der Erdkabelvorrang nach § 3 des Bundesbedarfsplangesetzes (BBPlG). Der Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des BBPlG soll den Weg zurück zur Freileitung öffnen. Grundlage sind die Bundestagsdrucksachen 21/6128 vom 26. Mai und 21/6564 vom 18. Juni. Als zentrales Argument nennt der Entwurf die niedrigeren Investitionskosten.

Das Papier formuliert 4 Forderungen:

  1. Die Initiative lehnt den Technologiewechsel von Erdkabel zurück zur Freileitung bei neuen HGÜ-Verbindungen ab.
  2. Netzbetreiber, Industrie, Wissenschaft und Bund sollen ein gemeinsames Kosten-, Innovations- und Beschleunigungsprogramm für den Erdkabelbau aufsetzen.
  3. Der SuedWestLink soll nach Lebenszyklus-, Kapazitäts-, Akzeptanz- und Resilienzkriterien statt nach pauschalen Kilometerpreisen bewertet werden.
  4. Ein angepasster Erdkabelvorrang soll auch für neue Wechselstrom-Höchstspannungstrassen mit 380 Kilovolt gelten.

Fünf Zuschläge erhöhen die Kosten der Freileitung um 5,61 Milliarden Euro

Als Basis dienen die Investitionskosten aus einer Studie von Frontier Economics, ef.Ruhr und Görg vom 21. Mai. Sie beziffert die nicht diskontierten Kosten des SuedWestLink für Erdkabel auf 8,7 bis 14,1 Milliarden Euro und für die Freileitung auf 2,6 bis 5,4 Milliarden Euro. Die Initiative rechnet mit den Mittelwerten von 11,4 Milliarden Euro und 4,0 Milliarden Euro. Für das optimierte Erdkabel zieht sie pauschal 20 Prozent ab und kommt auf 9,12 Milliarden Euro.

Auf die Freileitung schlägt sie 5 Positionen auf. Einen Kapazitäts- und Marktzuschlag von 30 Prozent setzt sie mit 1,2 Milliarden Euro an. Sie begründet ihn mit ausgelasteten Baukapazitäten: Für 2027 schätzt die Initiative die Marktkapazität auf rund 450 Trassenkilometer pro Jahr für Freileitungen und rund 650 Kilometer pro Jahr für Erdkabel. Für Akzeptanz- und Konfliktkosten nimmt sie 1,0 Milliarden Euro an. Dahinter steht die Annahme, dass alle 10 Kilometer ein Streit- oder Behinderungsfall mit 5 bis 15 Millionen Euro Folgekosten entsteht. Das ergibt 0,4 bis 1,1 Milliarden Euro.

Für Wertverluste bei Grundstücken setzt die Initiative 0,73 Milliarden Euro an. Sie rechnet mit 730.000 Metern Trassenlänge und 50 Metern äquivalenter Baulandbreite. Das ergibt 36,5 Millionen Quadratmeter. Bei 200 Euro pro Quadratmeter entspricht das 7,3 Milliarden Euro, von denen sie 10 Prozent als Wertminderung ansetzt. Hinzu kommen 1,5 Milliarden Euro für Resilienz und 1,18 Milliarden Euro für den Technologiewechsel. Letztere setzen sich aus 225 Millionen Euro Umplanungskosten und 950 Millionen Euro Verzögerungskosten zusammen. Die Verzögerung beziffert die Frontier-Studie auf 4 bis 7 Jahre bei 180 bis 190 Millionen Euro Redispatch-Kosten pro Jahr. Die Initiative rechnet mit 5 Jahren zu je 190 Millionen Euro.

Sichtbarkeit und Resilienz: Die Rechenannahmen im Detail

Masten für neue HGÜ-Freileitungen mit 525 Kilovolt erreichen nach den Angaben der Initiative 75 bis 90 Meter Höhe. Sie stehen im Abstand von 300 bis 500 Metern, beim SuedWestLink wären das 1.500 bis 2.400 Masten. Die Initiative geht von einem Sichtkorridor von 5 Kilometern je Trassenseite aus. Das ergibt 7.300 Quadratkilometer, rund 2 Prozent der Fläche Deutschlands. Die Zahl beschreibt eine Obergrenze ohne Geländeabschattung und keine Flächeninanspruchnahme. Ein Erdkabel ist nach der Rekultivierung in Agrarlandschaften weitgehend unsichtbar. In Waldgebieten bleiben bei beiden Varianten Schneisen erkennbar.

Die Resilienzkosten berechnet die Initiative über 30 Jahre für 730 Kilometer Trasse. Für Brand, Sturm, Hochwasser und Sabotage ergibt sich ein Erwartungswert von 737,9 Millionen Euro für die Freileitung und 76,1 Millionen Euro für das Erdkabel. Die Differenz beträgt 661 Millionen Euro. Bei Sabotage liegen die Barwerte bei 403,6 Millionen Euro für die Freileitung und 7,6 Millionen Euro für das Erdkabel. Beim Sturm sind es 205,8 Millionen Euro gegenüber 1,8 Millionen Euro.

Für den Kriegsfall setzt das Modell für beide Varianten 150 Tage Ausfalldauer an. Bei der Freileitung nimmt es 5 schwere Schadensereignisse mit 10 Millionen Euro Reparaturkosten und 1,5 Millionen Euro Ausfallkosten pro Tag an. Das ergibt 1,175 Milliarden Euro. Beim Erdkabel sind es 0,5 Ereignisse mit 50 Millionen Euro Reparaturkosten und 2,0 Millionen Euro Ausfallkosten pro Tag, zusammen 175 Millionen Euro. Beide Teilrechnungen ergeben 1,661 Milliarden Euro. Die Initiative setzt davon 1,5 Milliarden Euro an. Als Schwäche des Erdkabels nennt sie die Reparatur: Ein Kabelhersteller gibt dafür aktuell 7 Tage an. Bei Freileitungen dauert sie laut Präsentation 2 bis 15 Tage.

12 Maßnahmen sollen die Kosten des Erdkabelbaus um 20 bis 30 Prozent senken

Erdkabelprojekte kosten bei den direkten Investitionen derzeit den Faktor 2 bis 4 mehr als Freileitungen. Die Initiative führt das auf ein nicht industrialisiertes Produktionssystem zurück. Sie nennt zu viele Schnittstellen, zu wenig Standardisierung und getrennte Planung und Ausführung. Das Einsparziel von 20 bis 30 Prozent bezeichnet sie als Arbeitshypothese und nicht als nachgewiesenes Ergebnis.

Fräsen und Pflügen sollen die offene Bauweise ersetzen, wo Geologie, Bodenschutz und Kabelsystem es zulassen. Die offene Bauweise erzeugt Schneisen, weil Bodenschichten lagenweise aufgemietet werden und Baustraßen entstehen. Für Fräsverfahren nennt die Präsentation ein Zeit- und Kostenpotenzial von 30 bis 50 Prozent gegenüber der offenen Bauweise. Die Initiative schlägt eine Erdkabelfräse „EKF 2.0“ vor. Sie soll Schichten trennen, das Leerrohr einziehen und im selben Zug rückverfüllen. Baumaschinenhersteller, Netzbetreiber und Wissenschaft erarbeiten dazu erste Konzepte. Pflugverfahren setzt Amprion bei einfacher Geologie bereits ein.

Bei den Verträgen verweist das Papier auf die Integrierte Projektabwicklung (IPA), die Amprion bei A-Nord erprobt. In solchen Modellen entfallen Behinderungsanzeigen und klassische Nachträge. Bei konventionellen Verträgen liegen Nachträge und Behinderungen laut Papier bei 20 bis 40 Prozent Zusatzkosten. Die Planung soll Künstliche Intelligenz (KI) bei Standardelementen wie wiederkehrenden Muffengruben unterstützen. Die Planungskosten liegen laut Initiative um den Faktor 5 bis 10 über denen anderer Großprojekte, etwa im Pipelinebau.

Bodenschutz, Bohrungen und Muffengruben im Fokus

Beim Bodenschutz fordert die Initiative gleiche Anforderungen für vergleichbare Eingriffe. Sie verweist auf Drainagefräsungen mit 0,5 Metern Breite und 2 Metern Tiefe. Diese laufen ohne archäologische Erkundung, Umweltbegleitung und Schichtentrennung. Ein Erdkabel mit 0,3 Metern Breite und 1,8 Metern Tiefe muss dagegen alle Anforderungen erfüllen. Schutzstandards will die Initiative nicht pauschal senken.

Horizontalbohrungen sollen nur dort zum Einsatz kommen, wo sie nötig sind. Ein unabhängiges Team soll Querungen vorab prüfen. Einfache Feldwege ließen sich laut Papier schneller und günstiger fräsen. An den Übergängen zwischen offener Bauweise, Fräse, Bohrung und Muffengrube sieht die Initiative Zeit-, Umrüst- und Kostenrisiken. Allein beim SuedWestLink entstehen mehr als 400 Muffengruben. Hersteller, Bohrunternehmen, Kabeltechnik und Tiefbau sollen den Aufwand dort um bis zu 20 bis 30 Prozent senken. Für das Jointen, das Kabellieferanten ausführen, sollen mehr Personen qualifiziert werden. Offene Muffengruben verursachen zudem Kosten für Wasserhaltung und Rückbau.

Die Projektsteuerung soll schlanker werden. Netzbetreiber sollen eigene Steuerungsteams aufbauen, statt viele externe Dienstleister zu managen. Die Initiative empfiehlt Lean Construction mit Last Planner System und Taktplanung, um die Trasse als lineare Produktionslinie zu steuern. Ein übergeordnetes Benchmark- und Team für kontinuierliche Verbesserungsprozesse (KVP) soll Tagesleistungen, Störungen und Lösungen aller HGÜ-Projekte vergleichen. Freileitungen sollen nur als Ausnahme gelten, etwa auf 5 bis 10 Prozent der Strecke eines Projekts. Kabel- und Kunststoffrohrlieferanten sollen Innovationen beisteuern. Zudem soll ein bundesweites Notfallteam Erdkabel innerhalb von 48 Stunden reparieren, später innerhalb von 24 Stunden.

Zahlen sind Szenarioannahmen und keine Vollkostenrechnung

Die Initiative betont, dass ihre Rechnung eine Szenariografik und keine testierte Vollkostenrechnung ist. Wegen möglicher Überschneidungen der Zuschläge sei sie keine finale volkswirtschaftliche Bewertung. Die Autoren wollen die Modellwerte mit Daten von Übertragungsnetzbetreibern, Herstellern, Versicherern, Gutachterausschüssen und Genehmigungsbehörden kalibrieren. Die Frontier-Studie, auf der die Investitionskosten beruhen, hat NKT beauftragt. Für die Zukunft strebt Lange Erdkabel auch bei Wechselstrom an. Er verweist auf Singapur, wo alle AC- und DC-Trassen unterirdisch verlaufen.

 

(Quelle: Initiative Energietrassenbau /2026)

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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